


Sunhild Wollwages Arbeiten sind feinsinnig, zart beinahe zerbrechlich. Mit dem Blick des Entdeckers muss der Betrachter sich der ihrer Kunst nähern, denn zu sensibel sind die Arbeiten, als dass alles auf den ersten Blick erfassbar wäre. Auf kleinen Glasplatten reihen sich mimetisch aufgespürte Objekte aus der Natur aneinander. Wie bearbeitet für die genaue Untersuchung mittels Mikroskop, präpariert Sunhild Wollwage ihre Kunstwerke. Tritt der Rezipient näher an die Gläser heran, erkennt er die in Wachs eingeschmolzenen Gegenstände, die uns tagtäglich begegnen könnten – würden wir sie trotz der Hektik des Alltages wahrnehmen. Samen von Bäumen, Pflanzenreste, die in der Natur herumliegen, tote Insekten oder gar kleine überfahrene Frösche. All dies sind Objekte, die die Natur absondert und im Normalfall wieder in den „Kosmos der Wiederverwertung“ eingliedert.
„Über-Sehen“ heisst die Ausstellung. Ein Wortspiel in zweifacher Hinsicht. Die Kunst Wollwages lässt sich über die Tätigkeit des intensiven Sehens begreifen, denn nur der genaue Blick eröffnet die Tiefe in den Kosmos der Künstlerin. Zum anderen soll der Titel aber auch genau diese „Ignoranz“ verdeutlichen, die den Objekten in Wollwages Werken oft zukommt, bevor sie in ihren künstlerische Kosmos integriert werden: sie werden beim Spaziergang meist und gerne übersehen. Und genau dort – beim täglichen Durchwandern der Natur – beginnt die Kunst Wollwages. Die bewusste Auseinandersetzung mit der Umwelt führt die Künstlerin unwillkürlich zu den diversen Fundstücken, die dann, eingebettet in der schöpferischen Tätigkeit, zum fertigen Kunstwerk werden. Die Tradition des „objet trouvés“ ist eine lange und geht zurück auf den Beginn des 20. Jahrhunderts mit Künstlern wie Kurt Schwitters, Max Ernst, den Dadaisten oder gar auch Pablo Picasso. Immer wieder wird der vorgefundene und zufällig gefundene Gegenstand in das Kunstwerk integriert und trägt zur endgültigen Werkaussage bei. Anders geht Sunhild Wollwage mit dem „objet trouvé“ um, denn sie integriert es nicht in eine von ihr ergänzte Kunstwelt, sondern verwendet dieses eigens präpariert.
So fertigt sie etwa mit den Samen der Waldmeisterfrüchte eigene meditative Werke. Auf Filz werden die selbstklebenden Samen aufgebracht. In einem zuvor festgelegten Schema. Rund, quadratisch in exakten Reihen oder in einer geschwungenen Kurve. Stets ist das Werk von der Natur abhängig, denn es kann immer nur im passenden Gezeitenrahmen weitergeführt werden. So ist etwa in der Ausstellung „Über-Sehen“ eine Arbeit zu ausgestellt, die erst nächstes Jahr vollendet werden kann.
(Auszug aus dem Text "Sunhild Wollwage Über-Sehen" von Eva-Maria Bechter erschienen im Vernissage Heft Mai 2008)